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Überstunden: Darf der Chef Sie zur Mehrarbeit verpflichten?

Überstunden: Darf der Chef Sie zur Mehrarbeit verpflichten?
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Anastasia Klingsiek am 07.03.2019 | 0 Kommentare
Inhalt:
  1. Gesetzliche Pflicht: Darf der Chef Ihnen Überstunden aufbrummen?
  2. Arbeitsvertrag ist entscheidend
  3. Obergrenze für Überstunden: Ab wann ist mit der Mehrarbeit Schluss?
  4. Nach Feierabend: Ruhezeit zwischen den Arbeitstagen
  5. Ausnahmen & Sonderregeln für Überstunden
  6. Ausgleich von Überstunden: Bezahlung oder Freizeit?
  7. Beinhaltet Ihr Gehalt bereits die Überstunden?
    1. Überstundenvergütung darf nicht ausgeschlossen werden
  8. Vergütungserwartung: Überstunden extra bezahlt?
  9. Voraussetzung zur Bezahlung von Überstunden:
  10. Überstunden im Falle einer Kündigung

 

Überstunden gehören für viele Arbeitnehmer zum Berufsalltag dazu, ob nach dem offiziellen Feierabend oder am Wochenende. In Deutschland häufen sich pro Jahr etwa 1,4 Milliarden unbezahlte Überstunden an, im Durchschnitt arbeitet jeder Arbeitnehmer drei Stunden pro Monat ohne Entlohnung. Nicht nur die fehlende Entlohnung der Überstunden lastet auf den Schultern der Beschäftigten, auch der Druck und die zusätzlichen Arbeitsstunden nagen an der Gesundheit. Doch was ist in Sachen Mehrarbeit überhaupt erlaubt? Darf Ihr Chef Überstunden verlangen und wie viele müssen oder dürfen es in der Woche maximal sein? 

Gesetzliche Pflicht: Darf der Chef Ihnen Überstunden aufbrummen?

Nein, Ihr Chef darf nicht einfach Überstunden anordnen, wenn keine besondere Situation vorliegt. Es existiert keine gesetzliche Pflicht zu Überstunden. Ihre reguläre Arbeitszeit am Tag ist schriftlich im Vertrag festgelegt und diese gilt es einzuhalten. Überstunden sind also generell kein Muss!

Arbeitsvertrag ist entscheidend

Grundsätzlich müssen Sie nur dann Mehrarbeit leisten, wenn Sie durch Ihren Arbeitsvertrag oder bestimmte Betriebsvereinbarung dazu verpflichtet sind. Besteht in Sachen Überstunden keine vertragliche Vereinbarung, dürfen Sie als Arbeitnehmer die verlangte Mehrarbeit ablehnen. 

Als Ausnahme gelten Notfälle und Katastrophen, dazu zählen zum Beispiel Brände oder Überschwemmungen. Laut Arbeitsrecht kann Ihr Arbeitgeber Sie unter diesen Umständen zu Überstunden verpflichten. Voraussetzung ist somit, dass die Umstände für die Mehrarbeit unvorhersehbar sind und die Existenz des Betriebs bedroht ist. 

Eine Überstundenklausel im Arbeits- oder Tarifvertrag ist sehr wichtig, so befinden sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Bezug auf Mehrarbeit auf der sicheren Seite. 

Obergrenze für Überstunden: Ab wann ist mit der Mehrarbeit Schluss?

Im Arbeitszeitgesetz ist klar geregelt, ab wann ein Beschäftigter das Arbeitsmaximum am Tag erreicht hat: Pro Tag dürfen Mitarbeiter maximal zehn Stunden arbeiten, pro Woche bis zu 48 Stunden. So sind bei einer 40-Stunden-Woche höchstens acht Stunden Mehrarbeit in der Woche erlaubt. Sollte Ihr Arbeitgeber mehr Überstunden verlangen, verstößt dieser gegen das deutsche Arbeitsgesetz. 


Beispiel:

Verlangt Ihr Arbeitgeber zwei Stunden Mehrarbeit am Tag bei einer Arbeitswoche von fünf Tagen, verstößt er gegen das Arbeitszeitgesetz. Immerhin entsteht durch die Überstunden eine Wochenarbeitszeit von 50 Arbeitsstunden pro Woche. Im Arbeitszeitgesetz sind maximal 48 Stunden pro Woche vorgeschrieben. 


Nach Feierabend: Ruhezeit zwischen den Arbeitstagen

Arbeitgeber stehen in der Pflicht auf die ausreichende Erholung ihrer Angestellten und Mitarbeiter zu achten. In der Regel müssen zwischen dem tatsächlichen Feierabend, also inklusive Überstunden, und dem Arbeitsbeginn am nächsten Tag mindestens elf Stunden Ruhezeit liegen. 

In einigen Berufsfeldern kann diese Ruhezeit auch verkürzt werden, so sind etwa in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eine Zeitspanne von zehn Stunden vorgesehen und im Schichtbetrieb neun Stunden Ruhezeit einzuhalten. Besteht dennoch eine geringere Ruhezeit, stehen Arbeitgeber in der Pflicht einen Ausgleich zu schaffen: Innerhalb von vier Wochen haben Sie als Arbeitnehmer einen Anspruch auf eine Ruhezeit von mindestens 12 Stunden.

Ausnahmen & Sonderregeln für Überstunden

In einigen individuellen Situation sind Überstunden gänzlich verboten. Das heißt, dass keine Mehrarbeit zu leisten ist, auch wenn diese im Arbeitsvertrag in einer entsprechenden Klausel festgehalten ist. 

Überstunden sind gesetzlich in folgenden Situationen verboten:

  • Die Arbeitnehmerin ist schwanger und der Arbeitgeber wurde bereits darüber in Kenntnis gesetzt. Werdende und stillende Mütter unterliegen dem Mutterschutzgesetz nach § 8.
  • Arbeitnehmer unter 18 Jahre unterliegen dem Jugendschutzgesetz, §8 JuSchG, und dürfen keine Mehrarbeit leisten. Freiwillige Überstunden müssen innerhalb von drei Wochen ausgeglichen werden.
  • Arbeitnehmer in einer Teilzeitbeschäftigung müssen keine Überstunden leisten, sofern dies im Tarifvertrag nicht anders vereinbart ist.
  • Schwerbehinderte Arbeitnehmer müssen und dürfen laut SGB IX keine Überstunden leisten.

Ausgleich von Überstunden: Bezahlung oder Freizeit?

Allgemein können Ihre Überstunden mit Bezahlung oder Freizeit entlohnt werden. 

Bei der Auszahlung von Überstunden erhält der Arbeitnehmer eine finanzielle Vergütung nach dem regulären Stundenlohn. Unter bestimmten Voraussetzung kann für den Arbeitnehmer sogar mehr, als der reguläre Stundenlohn springen:

  • Bei Nacht-, Sonn- oder Feiertagsarbeit kommt ein Zuschlag zur regulären Bezahlung pro Arbeitsstunde hinzu. 

Bei dem Freizeitausgleich für Überstunden erhält der Arbeitnehmer für die geleistete Mehrarbeit zusätzliche Urlaubstage oder Freizeit. In vielen Unternehmen ist diese Entlohnung der Überstunden beliebt, da dadurch weniger Bürokratie anfällt und die Lohnkosten stetig gleich bleiben. Oft können die Angestellten in Absprache mit ihrem Vorgesetzten selbst entscheiden, wann sie die zusätzliche Freizeit in Anspruch nehmen. 

Beinhaltet Ihr Gehalt bereits die Überstunden?

Leider existiert keine allgemeine Rechtsgrundlage, dass jede Überstunde zu bezahlten ist. Zusätzlich gehen einige Beschäftigte davon aus, dass die Mehrarbeit bereits mit dem Gehalt abgegolten ist. Besonders einige Vertragsklauseln führen zu Missverständnissen...

Eine wesentliche Rolle spielen die individuellen Vertragsklauseln und die Vergütungserwartung. Das Problem bei der Sache mit den Überstunden ist, dass sich im Arbeitsvertrag oft Standardklauseln befinden, die schwammig sind und keine klaren Zahlen in Bezug auf die geleistete Mehrarbeit enthalten.

Vertragsklauseln: Standardklausel im Arbeitsvertrag

„Mit dem Gehalt X sind alle Überstunden des Arbeitnehmers abgegolten.“

Aus der Klausel geht nicht hervor, wie viele Überstunden mit dieser erfasst werden. Dadurch ist diese Klausel nicht zulässig. Es gilt, dass alle zeitlich unbeschränkten Klausel nicht wirksam sind.

Überstundenvergütung darf nicht ausgeschlossen werden

Finden Sie in Ihrem Arbeitsvertrag festgehalten, dass eine Überstundenvergütung grundsätzlich nicht stattfindet, können Sie dagegen klagen. Denn solche Regelungen im Arbeitsvertrag sind verboten! Dazu zählt die genannte beliebte Klausel „Mit der Arbeitsvergütung sind etwaige Überstunden abgegolten“.

Vergütungserwartung: Überstunden extra bezahlt?

Gesetzlich wird formuliert, dass die „übliche Vergütung“ gezahlt wird, „wenn die Dienstleistung den Umständen nach nur gegen eine Vergütung zu erwarten ist“. 

Das bedeutet, dass sogenannte Geringverdiener eine Vergütungserwartung haben, jedoch die Besserverdiener nicht. Sie sind ein Besserverdiener, wenn Ihr Entgelt die Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung überschreitet. 

In Deutschland gibt es zwei verschiedene Grenzen: In Westdeutschland gelten Sie als Besserverdiener bei 6.500 Euro brutto im Monat, in Ostdeutschland bei 5.800 Euro (2018).

Voraussetzung zur Bezahlung von Überstunden:

  • Es handelt sich nicht um freiwillige Überstunden, das heißt der Arbeitgeber muss die Überstunden angeordnet oder genehmigt haben.
  • Der Arbeitnehmer muss diese Anordnung dokumentieren beziehungsweise beweisen können.
  • Der Arbeitnehmer muss die Zahl der Überstunden dokumentieren.
  • Der Arbeitgeber darf keine Überstunden über die gesetzliche Grenze von zehn Stunden am Tag anordnen. 

Überstunden im Falle einer Kündigung

Tritt eine Kündigung ein, darf Ihr Arbeitgeber entscheiden, ob die Überstunden ausgezahlt oder in Form von Freizeit ausgeglichen werden. Hierbei spiel es keine Rolle, ob Sie als Arbeitnehmer die Kündigung einreichen oder der Arbeitgeber kündigt.

Bild: Anastasia Klingsiek
Anastasia Klingsiek (48 Artikel)

Anastasia Klingsiek hat Germanistische Sprachwissenschaften und Literaturwissenschaften in Paderborn studiert. Während ihres Studiums hat sie bereits in journalistischen Redaktionen als freie Mitarbeiterin gearbeitet. Moderationen, Nachrichten und Artikel: alles kein Problem. Texten war schon immer ihre Leidenschaft. Auf karrieretipps.de ist sie für den Bereich rund um Berufseinstieg, Büroalltag und Work-Life-Balance zuständig.

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